Der Physiker Karl Scheel, ein Sohn der Stadt Rostock
Publizist in Sachen Physik

Gedenken an seinen 150. Geburtstag
Von Werner Moennich, Hamburg, März 2016

Am 10. März jährte sich zum 150. Mal die Geburt des Rostocker Physikers Karl Franz Christian Scheel. Er wurde am 10. März 1866 in Rostock in der Wollenweberstraße 10, geboren und hat in der Stadt wichtige Spuren hinterlassen, die man jedoch ein wenig suchen muss.

Sein Vater war der Bäckermeister August Scheel. Dieser war der ältere Bruder des späteren Geheimen Kommerzienrates und Kgl. Dänischen Konsuls Wilhelm Scheel in Rostock. Ursprünglich stammt die Familie Scheel aus Schwaan. Einige Familienmitglieder erhielten im Laufe des 19. Jahrhunderts das Bürgerrecht in Rostock.

Der aufgeweckte Karl wuchs in fröhlicher Familienrunde zusammen mit drei Geschwistern in Rostock auf. Gegenüber seinem Elternhaus befand sich die Buchbinderei Ross. Hier erlernte er das Buchbinderhandwerk und bekam dadurch bereits in jungen Jahren Zugang zu Literatur, die ihn später sein Leben lang in publizistisch-physikalischer Weise begleiten sollte. Zudem besuchte er das Gymnasium „Große Stadtschule“ und erlangte dort 1885 sein Abitur. Dieses ehrwürdige Gebäude hat alle Zeiten bis heute überdauert und ist als „Haus der Musik“ inzwischen ein redendes bauliches Schmuckstück der Stadt Rostock.

Die Naturwissenschaft hatte es dem jungen forschungslustigen Mann angetan, insbesondere die Physik, die in dieser Zeit durch zahlreiche Entwicklungen und bahnbrechende Erfindungen in den Fokus der damaligen Gesellschaft gelangte und seine wissenschaftliche Neugier entfachte. Er begann das Studium der Mathematik und Naturwissenschaften an der Universität seiner Heimatstadt Rostock, wie in der dortigen Immatrikulationsliste vom 15. April 1885 zu lesen ist. Sein Studium setzte er in Berlin fort. Hier promovierte er 1890 mit dem Thema

“Die Ausdehnung des Wassers mit der Temperatur mittels des thermometrischen Verfahrens“.

Er war aber nicht nur eine Person klarer physikalischer Ordnung, sondern durchaus dem Leben zugeneigt, seine Leibesfülle zeugt davon als auch ein durch und durch von frohem Geist getragener Mensch. So wohlbeleibt und kugelrund er aussah, so großherzig und gutmütig war sein Wesen.

Die Ehe mit seiner Frau Melida blieb leider kinderlos. Beide hatten aber immer ein großes Herz für Kinder, insbesondere im weiteren Familienkreis, wie berichtet wird. Besuche bei Tante Melida und Onkel Karl waren immer wohltuend und erlebnisreich, denn Tante Melida hatte stets reichlich Kuchen auf dem Tisch und Onkel Karl dazu einen spitzbübischen Spaß parat. Er hörte dann von seiner lieben Frau schelmisch strafend: „Min Koarling, das is ja man wedder dumm Tüch for de Lüdden, nich!“. Dabei half ihm auch sein pfiffiger zahmer Graupapagei (der Name ist leider nicht überliefert), der stets eine Attraktion für die Kinder der Familie gewesen ist, weil dieses Geschöpf zur Begeisterung der lieben Kleinen so allerlei „dummes Zeug“ daherreden konnte, so erinnert sich gern  manches Familienmitglied.

Onkel Karl saß oft in seinem großen geflochtenen Lehnstuhl, von dem aus er das Familienleben wohlwollend beobachtete und zuweilen darin auch ein Nickerchen hielt. Sein geliebter Papagei setzte sich dann auf die Lehne und nagte daran. Ein strenger Blick und eine barsche Handbewegung von Onkel Karl genügte und dieses exotische Federvieh verließ dann zunächst beleidigt die geschätzte Sessellehne, wohl ahnend, dass „der Dicke“ schnell mal einnickte - und schon war er wieder da und naja, er knabberte fröhlich ungestört ein bisschen weiter. Dieses kleine Schauspiel wiederholte sich zigmal zum Spaß der amüsierten Kinder, die sich natürlich was feixten.

Seinen jährlichen Urlaub verbrachte Karl Scheel mit seiner lieben Frau Melida, etlichen Familienmitgliedern und einigen „Physik“-Freunden Jahrzehnte (berichtet wird von gut 50-mal) regelmäßig in Ilmenau. In frühen Lebensjahren durchstreifte der naturliebende junge Mann seine Mecklenburgische Heimat, hatte aber auch die Schönheit des Thüringer Waldes durch ausgiebige Wanderungen kennengelernt. Dieser Landstrich in seiner einzigartigen Natur muss ihn so tief beeindruckt und gefesselt haben, dass er dieser Gegend sein Leben lang in Zuneigung verbunden blieb. Ilmenau, der beschaulich, freundliche Ort am Nordrand des Thüringer Waldes mag ihn wegen dieser reizvollen Landschaft, des Kurbetriebes zudem auch der Nähe dort befindlicher naturwissenschaftlicher Einrichtungen schöpferisch inspiriert haben. In illustrer entspannter Gefährtenrunde und beschaulich ansprechender Umgebung haben dort höchstwahrscheinlich anregende „Fachsimpeleien“ stattgefunden. Dabei wurden Ideen und Projekte ausgeheckt, die später ihren Weg in Wissenschaft und Öffentlichkeit fanden.

In Ilmenau stellte man ihm zu Ehren bereits 1932 noch zu seinen Lebzeiten einen Gedenkstein an einem Wanderweg auf; allerdings nicht für seine wissenschaftlichen Verdienste, sondern für die Treue zu seinem jährlichen Urlaubsort.

Nachzulesen in: „Die Henne“ Ilmenauer Nachrichtenblatt vom 26. Mai 1932, - Die Stadt ehrt einen Kurgast, Ehrenplatz für Herrn Geheimrat Professor Dr. Scheel aus Berlin - (PDF).

„Sein Aussichtspunkt“ mit Bank und 1988 erneuerter Gedenkplatte befindet sich auch heute noch auf der Hertzer-Promenade am Fuße des Lindenberges. Der Blick von diesem beschaulichen Plätzchen auf Ilmenau wird auch weiterhin so manchen Wanderer begeistern und erfreuen.

Karl Scheel widmete sein wissenschaftliches Leben der Physik. Er wurde Mitglied der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin und begann zunächst seine berufliche Tätigkeit in der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (PTR) als wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Später wurde er Geschäftsführer und Schriftführer der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG) und 1919 dort Ehrenmitglied. 1913 erhielt er den Titel Geh. Regierungsrat und übernahm die Leitung der technisch-physikalischen Abteilung der PTR. 1929 wurde ihm von der Technischen Hochschule Stuttgart für seine vielfältige rührige physikalische publizistische Arbeit der Ehrentitel Dr. Ing. honoris causa verliehen. Außerdem erhielt er 1931 als besondere Auszeichnung die Silberne Leibniz-Medaille der Preußischen Akademie der Wissenschaften.

Zu seinen wissenschaftlichen journalistischen Tätigkeiten und Veröffentlichungen zählen bereits ca. 1902 Chefredakteur der Zeitschrift „Fortschritte der Physik“ sowie Redaktion „Verhandlungen der DPG (deutsche Physikalische Gesellschaft)“, 1911 Verfasser „Grundlagen der praktischen Metronomie“ in „Die Wissenschaft - Sammlung naturwissenschaftlicher und mathematischer Monographien Heft 36“, ab 1919 Mitarbeit in der Redaktion der „Zeitschrift für Physik“, dem in den Zwanziger Jahren weltweit führenden physikalischen Fachjournal, 1923 Herausgabe der „Physikalisch Chemischen Tabellen“ zusammen mit Walther A. Roth, 1924 und 1932 Herausgeber zusammen mit dem Physiker Hans Berliner des „Physikalischen Handwörterbuchs“, ab 1926-1933 Mitherausgeber des 24-bändigen „Handbuches der Physik (in Fachkreisen auch bekannt unter „Das blaue Handbuch“) u. a. zusammen mit dem Physiker Hans Geiger, dem Erfinder des Geiger-Zählers.

Bekannt wurde Karl Scheel auch als Verfasser zahlreicher anerkannter Fachaufsätze wie hier z.B. eine kleine Auswahl zeigt: "Fernthermometer“ in "DINGLERS POLYTECHNISCHES JOURNAL Heft 1 Band 332. Berlin, 13. Jan. 1917. 98. Jahrgang" oder „Die literarischen Hilfsmittel der Physik“ in „Naturwissenschaften 13 (1925)“ und viele andere mehr. Literatur von und über Karl Scheel ist auch im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek aufgelistet.

Diese Betätigungen fanden sowohl national wie auch international große Anerkennung und zeugen von begeisterter und beflügelter Wissbegier dieses Rostockers, Wahl-Berliners und Freundes Ilmenaus.

Die wissenschaftlichen Leistungen Karl Scheel´s bestehen darin, die Physik in ihren aktuellen Entwicklungen und Themen mit publizistischen Mitteln facettenreich immer rasch in unermüdlichem persönlichen Einsatz in die Öffentlichkeit transportiert zu haben. Es gelang ihm auf diese Weise der Physik als zentralen Bereich der naturwissenschaftlichen Entwicklung ihren Platz Zeit aktuell zu zuweisen und allgegenwärtig anerkannte Präsenz zu verschaffen. Er war somit publizistischer Wegbereiter der Physik in die Lebensaktualität der Gegenwart. Es gab und gibt wohl keinen Physiker, der nicht irgendwann und irgendwie im Laufe seiner Studien mit dem Namen Karl Scheel in Berührung gerät.

Seinen 70. Geburtstag feierte er am 30. März 1936 in Berlin in großer Runde mit seiner Frau Melida, Familienangehörigen, Freunden und Ehrengästen, darunter manche langjährigen Weggefährten wie die bekannten Physiker Ernst Brüche, Walter Grotrian, Max von .Laue, Karl Mey, Max Planck, Carl Ramsauer u.a.. Er verstarb im selben Jahr am 8. November in Berlin. Die Grabstelle befindet sich auf dem Luisenfriedhof III der ev. Luisenkirchengemeinde in Berlin-Charlottenburg.

Walter Grotrian spricht in seinem Nachruf über Karl Scheel von dem „getreuen Eckart der deutschen Physik“. Damit spannt er gedanklich treffend einen Bogen zwischen dem Verstorbenen und einer bekannten literarischen Gestalt aus alter Sage und Dichtung. Er charakterisiert damit  Karl Scheel als wackere, treue Seele und zuverlässigen Mitstreiter, gleichsam ehrbaren Botschafter in Sachen Physik, die sein ganzes Leben prägte.

Prof. Dr. Karl Franz Christian Scheel ist gemäß seinem testamentarischen Vermächtnis Stifter des „Karl-Scheel-Schülerpreises“ der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin e.V., der seit 1994 jährlich der besten Abiturientin oder dem besten Abiturienten im Leistungsfach Physik zuerst an der „Großen Stadtschule“ zu Rostock, seit 2006 des Innerstädtischen Gymnasiums Rostock verliehen wird.

Außerdem stiftete er den „Karl-Scheel-Preis“, der seit 1958 jährlich von der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin e.V. für herausragende naturwissenschaftliche Arbeiten an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Berlin vergeben wird.

Karl Scheel hat nie seine Verbundenheit und Liebe zu seiner Heimatstadt Rostock und seiner dortigen Familie verloren, dies ist belegt durch intensive und zahlreiche Familienkontakte und eben auch die Stiftung des „Karl-Scheel-Schülerpreises“ an sein ehemaliges Gymnasium „Große Stadtschule“ in Rostock, jetzt traditionell weitergeführt am Innerstädtischen Gymnasium in Rostock.

Die Gedenktafel für Karl Scheel ist seit Sommer 2014 dort wieder am Haupteingang zur Erinnerung an diesen fleißigen Rostocker Wissenschaftler angebracht. Außerdem befindet sich in einem der Physiksäle des ISG Rostock eine große Erinnerungstafel mit den wichtigsten Lebensdaten und beeindruckenden Leistungen von Karl Scheel.

Weiterführende Berichte über das Wirken von Karl Scheel sind umfangreich aufzufinden in der Mitgliederzeitschrift der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin e.V. bis 2001 „Physikalische Blätter“ und seit 2002 „Physik Journal“.

Hier eine kleine Auswahl davon:
„Der Karl-Scheel-Preis der Physikalischen Gesellschaft zu Berlin“ in - Physikalische Blätter Volume 47, Issue 2, Februar 1991, Pages: 126–127, G. Hildebrandt -
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19910470210/pdf

„Unser Geheimrat Scheel, Erinnerungen und Gedanken zur 100sten Wiederkehr seines Geburtstages“ in - Physikalische Blätter Volume 22, Issue 3, März 1966, Pages: 121–128, Ernst Brüche -
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19660220304/pdf

„Die Deutsche Physikalische Gesellschaft 1899–1945“ in - Physikalische Blätter Volume 51, Issue 1, Januar 1995, Pages: F-61–F-105, Armin Hermann http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19950510119/pdf

„Karl Scheel, Ernst Brüche und die Publikationsorgane“ in - Physikalische Blätter Volume 51, Issue 1, Januar 1995, Pages: F-135–F-142, Ernst Dreisigacker and Helmut Rechenberg -
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19950510122/pdf

„Ernst-Mach-Symposium am 11./12. März 1966 in Freiburg/Br./Frühjahrstagung des RV Württemberg-Baden-Pfalz vom 21. bis 26. März 1966 in Freudenstadt/Gedächtnissitzung zum 100. Geburtstag von Karl Scheel und Verleihung der Scheel-Preise am 4. März 1966 in Berlin/Hauptjahrestagung der Phys. Ges. in der DDR vom 14. bis 19. 4. 1966 in Leipzig“ in - Physikalische Blätter Volume 22, Issue 5, Mai 1966, Pages: 223–226, F. Kerkhof, N. N. Leipzig and H. R. Bachmann -
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19660220505/pdf


„Erinnerungen an Karl Scheel: Zum 20. Todestag“ in  - Physikalische Blätter Volume 12, Issue 11, November 1956, Pages: 511–516, Professor Ernst Brüche -
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19560121104/pdf

„Gedächtnisfeier für Karl Scheel in Berlin/Erste Deutsche Rheologentagung in Berlin/Zweite Internationale Konferenz über die Physik der tiefen Temperaturen/Achter Internationaler Kältetechnischer Kongreß in London“ in - Physikalische Blätter Volume 8, Issue 3, pages 132–139, März 1952, C. Ramsauer -
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19520080306/pdf

„Über wissenschaftliche Zeitschriften“ in - Physikalische Blätter Volume 8, Issue 3, März 1952, Pages: 122–130, Professor Ernst Brüche -
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19520080304/pdf

„Zeitschriften und literarische Unternehmungen: Aus der Vergangenheit für die Zukunft“ in - Physikalische Blätter Volume 3, Issue 5, Mai 1947, Pages: 148–151, Dr. H. Ebert -
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/phbl.19470030504/pdf